Die unendliche Geschichte

Version der Reiter

Die kennt ihr bestimmt auch: Die Unendliche Geschichte der Suche nach einem passenden Sattel. Da etwas unendliches weder Beginn noch Ende hat, greifen wir einfach mitten hinein:

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Da steht es, Dein Pferdchen, grade angeritten ist es, und ein wenig Babyspeck polstert seine Schultern, wirklich nur noch ein wenig, und endlich paßt auch der extra breite Sattel, den du aufgetrieben hast. Vorher hat er doch immer ein wenig gedrückt. Jedenfalls hat das jemand behauptet, der von sich sagt, er hätte ein Auge für Sattelprobleme. Ganz verunsichert bist du schon gewesen, die Vision von zu engen, drückenden Schuhen wollte dir gar nicht mehr aus dem Sinn. Und es soll ihm doch gut gehen, dem Ponylein, dem süßen. Aber ihr habt nun mal keinen anderen Sattel, und für den Anfang, da reitet ihr eh nie länger als 20, höchsten 40 Minuten. Vielleicht auch mal ein Stündchen, da wird es schon gehen. Nun aber ist dein Pferdchen ja noch jung, und wenn es auch schon fertig aussieht, es verändert sich. Zuerst verschwindet der Babyspeck so rapide und vollkommen, dass man sich grade nur noch wundern kann. Es streckt sich und reckt sich, und aus dem Pummelchen wird, oh Wunder, ein schlankes, rankes Edelroß. Jetzt aber paßt, selbst mit drei dicken Decken, der Extrabreite nicht mehr. Das siehst Du selber ein, und der Bekannte sekiert dich auch schon die ganze Zeit, dass du das Pferd fürs Leben schädigst mit einem nicht passenden Sattel. Das erfülle im Grunde ja bereits den Tatbestand der Tierquälerei. „Kauf dir halt endlich einen G’scheiten!“ heißt es. „Du ziehst ja auch keine ausgetretenen, zwei Nummern zu großen Latschen an, nur weil sie billig waren und in deinem Schank stehen.“ Das gibt dir schon zu denken. Und weil Dein Ross nun so edel dasteht, faßt du, nach Prüfung deiner Finanzen, den Entschluss, ihm und Dir etwas gutes tun. Du bist bereit für einen neuen Markensattel. Vom Fachmann angepaßt, wie es sich gehört!
Der Verkäufer kommt, legt einen Sattel auf. Nun machst du erstmals Bekanntschaft mit einem seltsamen, aber unumstößlich festgeschriebenen Gesetz:
Gibt es mehrere zur Auswahl, ist es immer der Teuerste, der paßt wie draufgesch…en. Du zerdrückst ein Tränchen vor Rührung (weil der Sattel einfach dermaßen schick aussieht), oder auch vor Herzweh (weil soo viel wolltest du dann doch nicht hinlegen), und zückst Deine Börse.
Doch kaum ist der Sattel bezahlt und das Sattelmobil vom Hof, wächst dein Pferd weiter. Und zwar von nun an in die Breite. Bald klemmt der teure Sattel in der Kammer, du kramst deinen alten, extrabreiten wieder raus, aber wo früher ein leichter Schwung den Sattel sachte umfing, läßt jetzt eine stramme, strichgerade Wirbelsäule denselben neckisch vom Vorder- auf den Hinterzwiesel schaukeln. Also ab mit dem Alten ins ebay, und weil du grad dabei bist, stöberst du gleich ein bisserl. Ja, und was findest du da! Ein Sattel grad wie dein teurer, „Für breites Pferd“ liest Du und: „leider Pferd zu dünn geworden.“ Der Preis? Ein Schnäppchen! Wenigstens im Vergleich zu dem, der nun arbeitslos in deinem Sattelschrank verstaubt. Also mitgesteigert, ersteigert. Hurra! Der Sattel kommt, wird aufgelegt. Passt! Man schwingt sich hinauf – und steigt nach einer halben Stunde gerne wieder ab. Ist denn der mit Steinen gestopft? Oder mit Packpapier bespannt? Mitnichten, man hat nur über den 15 Zoll-Sitz im der Beschreibung drübergelesen. Da paßt halt kein 17 Zoll-Hintern rein, beim besten Willen nicht. Aber es gibt ja noch das IPZV-Gästebuch, da sieht man schon nach wenigen Seiten: Du bist nicht allein, auch andere Pferde entwachsen den mit Liebe ausgesuchten und teuer bezahlten Sätteln, und alle diese Sättel suchen einen neuen Pferderücken, resp. Reiterhintern, den sie verwöhnen können mit ihrer super Paßform, ihrem tollen Sitzgefühl und ihrer hervorragenden Verarbeitung. Da schreibt man sein Problem einfach mit dazu, und siehe da, man kriegt auch jede Menge Angebote. Werden auch gern Fotos verschickt. Das dauert zwar, aber für den Übergang leistet man sich doch einfach so ein Ding ohne Baum. Soll ja auf alles passen, und besser als ohne Sattel, oder einer, der drückt, ist es ja allemal. Inzwischen hast Du dir sowieso ein paar Fotos angeschaut, hast dich vergewissert, dass alle diese Sättel, die in Frage kommen, auch zum ausprobieren verschickt werden. Du mußt natürlich das Porto übernehmen, klar. Aber, es ist doch wie verhext. Der eine sieht ganz anders aus als auf dem Foto, der andere läßt sich einfach nicht ordentlich sitzen. Bei einem verweigert dein Pferd plötzlich die Mitarbeit, der nächste rutscht auf den Hals trotz stramm gespanntem Schweifriemen. Einer kommt dir gleich beim Aufsteigen schon entgegen, einer hat eine völlig unakzeptable Farbe, und von einem rät dir eine wohlmeinende Reiterfreundin dringen ab. Das Modell wär überhaupt völlig out! Nachdem du für ungefähr ein halbes Dutzend Sättel Porto bezahlt hast und die Postler dich schon duzen, ist dann doch einer dabei, der paßt. Dir und dem Pferd, Wird auch höchste Zeit, denn von dem Rückgratlosen Ding habt ihr, Dein Pferd und du, schon Kreuzweh, da nimmst du gern in Kauf, dass deine ursprüngliche Preisvorstellung weit überschritten wird. Was tut man nicht alles für ein glückliches Pferd. Ein paar Monate, sagen wir, einen Sommer lang, seid ihr auch wirklich happy, alle beide, aber dann kommt der Winter, und mit Entsetzten stellst du fest: Dein Pferd geht auf wie ein Hefeteig, der Sattel klemmt auf seinem Rücken wie ein Zwicker auf einer zu breiten Nase. Den Baumlosen hast du inzwischen verscherbelt, nun reißt Du dir auch den Teuersattel aus dem Schrank wie aus dem Herzen, denn du brauchst Platz, um den anderen einzumotten und um dir von den paar Euro, die du für ihn noch kriegst, die alte Schwarte leisten zu können, die eine Reiterbekanntschaft schon seit Urzeiten im Keller hängen hat. Die sieht zwar aus wie für Elefantenrücken gedacht, aber tatsächlich, sie paßt auf dein Speckmonster. Jetzt hoffst du auf das Frühjahr, da wird der Speck schon wieder schmelzen. Aber merke: Was ein mit Wachsen fertiges Pony in der Blüte seiner Jahre in einem Monat an Umfang anfuttert, reitest du in einem Jahr nicht runter. Du hoffst also ganz vergeblich. Inzwischen stellt sich aber heraus, dass die alte Schwarte ihr Verfallsdatum bereits lange überschritten hat. Sie löst sich sozusagen Stück für Stück auf. Also suchst du mal wieder in ebay und Gästebuch, klapperst sämtliche Gebrauchtsattelanbieter im Umkreis von mehreren Autostunden ab und nichts kann dich abbringen von deinem Traum, einen guten, bezahlbaren Sattel zu finden, der die Partnerschaft zwischen dir und deinem Pony begleiten und bereichern soll bis zum Ende aller Tage.

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Jahre später: Dein Pferd ist immer noch nicht wieder dünn, und einen wirklich passenden Sattel hast du immer noch nicht gefunden aber du bist inzwischen hinter das Geheimnis all derer gekommen, die behaupten, der ihre, einmal angeschafft, liege schon seit Jahren perfekt. Die schauen nämlich einfach nicht so ganau hin! Die schauen sozusagen gar nicht hin! Und das, hast du beschlossen, sollte auch dir gelingen. Ein bissl zwickt’s hier, ein bissl da. Was solls. Wofür gibt’es Vorgurte und Schweifriemen, und ist es nicht erstaunlich, was eine dicke Satteldecke alles ausgleicht? Aber dann passiert es: Der bisher so stramme Rücken gibt nach. Er sinkt, und sinkt, und sinkt. Selbst das feste Zudrücken beider Augen kann die Tatsache, dass dein Pferd im Alter einen lehrbuchmäßigen Senkrücken entwickelt, nicht wegleugnen. Schon wird da, wo die Trachten aufliegen, das Fell rauh, und kommt da nicht der alte Bekannte daher, der mit dem geschärften Blick für nicht passende Sättel, und demonstriert dir ungefragt, dass zwischen tiefstem Punkt des Pferderückens und dem aufgelegten Sattel ein halbes dutzend rohe Hühnereier unversehrt transportiert werden könnten? Was bleibt dir da anderes übrig als die Kapitulation. Und wieder durchforscht du das Gästebuch, setzt wieder einmal einen verzweifelten Hilferuf ab. Und wer meldet sich? Jemand, der – wie viele Jahre ist es her inzwischen – mit einem pummeligen jungen Pferd und einem extrabreiten Sattel aus ebay anfing, den über all die Jahre in Ehren hielt, obwohl ihr Pferd seitdem aus diesem und aus zig anderen längst herausgewachsen ist, und tatsächlich, sie schickt ihn gerne zum ausprobieren, sofern du das Porto übernimmst, selbstredend. ….

Muß ich noch mehr erzählen?

S. Nebl