Mila

Es war so ein richtiges Schmuddelfrühjahr.

An einem dieser trüben, ungemütlichen, naßkalten Tage stand ein neugeborenes Fohlen mitten im Auslauf. Feucht und frierend und als ob es irgendwem verloren gegangen wär‘. Soweit weg davon wie nur möglich stand Marja und mampfte Heu. Zu ihr gehöre der Balg jedenfalls nicht, behauptete sie stur, dabei zog sie noch die Nachgeburt hinter sich her. Marja kam in Boxenhaft, damit sie in aller Ruhe über die Pflichten einer Pferdemutter nachdenken konnte, und das Fohlen schoben wir kurzerhand dazu. „Zu früh.“ Meinte der Tierarzt, „Etwa um 3, wenn nicht 4 Wochen. Da kommt es schon mal vor, daß die Stuten sich nicht darum kümmern. “ Dass die Überlebenschancen eher gering waren, sagte er nicht extra, aber das wußten wir auch so.

Das Kleine war wirklich winzig, kaum größer als ein Foxterrier, aber lebhaft, frech und recht unbekümmert. Marja ignorierte es zwar nach Kräften, – oder tat wenigstens so, aber sie lies es trinken und ansonsten in Ruhe. Wir nannten die Kleine „Mila“. Wir hatten grad Besuch aus Tschechien, und „Mila“ steht für „lieb, nett, süß“. Das war sie auch. So winzig, und so wollig. Mit langen Wimpern und kurzen, pechschwarzen Mähnenlocken. Einfach hinreißend. Wir hängten eine Wärmelampe in eine abgetrennte Ecke der Box und sahen mindestens 1000 mal in den ersten 10 Tagen nach Mutter und Kind. Marja interessierte sich in der Hauptsache für ihr Heu, das Kleine war ihr noch immer ziemlich wurscht. Wenigstens erwies sie sich als zuverlässige Nahrungsquelle. Es wurde jedenfalls allmählich Zeit, Marjas Haftzeit etwas zu lockern und den Rest der Herde auf die Kleine loszulassen. Kennengelernt hatte sie inzwischen alle. Immer stand ja mindestens einer vor der Box, reckte die Nase so weit es ging über die halboffene Trennwand und versuchte, auch was von dem lecker riechenden Zeug zu erwischen, das wir der Kleinen ins Winzmaul spritzten. („Das ist nicht für Euch, ihr seid schon groß und stark, ihr braucht keine Aufbaumittelchen mehr.“ So was glauben sie ja sowieso grundsätzlich nicht. Wir gönnen ihnen nur nix gutes, das ist es!) Noch war sie soo klein, unsere Mila. Und so leicht, daß sie bequem hochgehoben und herumgetragen werden konnte.

Also gut, einsperren konnten wir sie ja nicht ewig. Mußte halt immer einer von uns dabeibleiben und aufpassen.Regnen tat es, schon seit Wochen eigentlich, und der kalte Wind blies uns gar zu grausam durch das schwarze Plüschfell.. Gut, daß eines unserer Kinder genau die gleiche Pullovergröße hatte wie das Fohlen! Was für Klischees man auch immer mit Begriffen wie „lieb, nett, süß“ verbinden mag, Mila jedenfalls kurierte uns in verblüffender Schnelle von ettlichen. Selbstbewußt und neugierig stakselte sie über die Schwelle der Boxentür, visierte nach einem kurzen Rundumblick auch sofort ihr erstes Ziel an: ein großer Berg Heu, an dem die beiden anderen Fohlen des Jahrganges in friedlicher Eintracht mümmelten. Das heißt, jetzt starren sie bereits mit ungläubigem Blick und geblähten Nüstern auf das kleine Monster im Ringelpulli, das da ganz straks auf sie zu trippelt. Da dreht Mila sich auch schon um, drischt dem dicken Tom, der mehr als doppelt so groß ist wie sie selbst, mit einem energischen Quietscher ihre Hüfchen vor die Brust, und genießt sichtlich ihren Triumph, als Tom ohne auch nur den Versuch, sich zu behaupten, das Feld räumt. Und Lady schließt sich ihm ohne weitere Diskussion an.. Ihr erster Ausflug war nur kurz, wir wollten ja nicht, daß sie sich erkältet oder sonstwie Schaden nimmt. Aus dem selben Grund verbrachten Marja und sie auch die nächsten verregneten Wochen hauptsächlich unter Dach. Raus durfte sie nur unter Aufsicht und mit Pullover. Der Pullover war gegen die Kälte, sie fror leicht. Die Aufsicht war ursprünglich aus Angst, sie könnte sich selbst in Schwierigkeiten bringen. Denn sie war, um es deutlich zu sagen, eine verdammt freche Göre! Und Marja hatte besseres zu tun als auf so einen kleinen schwarzen Dreck aufzupassen. Dann, als es endlich trockener und wärmer wurde, brach Marja sich ein Griffelbein. Der Tierarzt verordnete 6 Wochen strengste Boxenruhe. Das war hart. Noch härter als für Marja wurde es aber für die Kleine. Hatte sie doch endlich aufgehört zu frieren und angefangen zu wachsen. Grade hatte sie die Freiheit der Weide schnuppern dürfen, und jetzt schon wieder eingesperrt. Energisch bearbeiteten ihre Minihufe die Boxentür. Sie wollte raus! Wir seufzten und spielten mal wieder Kindergartentante. Sie war ja doch (ich erwähnte es schon) noch sooo klein, und sooo allein da unter den anderen Pferden… Falls wir es bisher noch nicht glauben wollten, jetzt wurde es uns sehr schnell klar: eher mußten wir die anderen Pferde vor ihr beschützen als umgekehrt. Sie hatte ja schon lange raus, daß sie anstellen durfte, was ihr grad einfiel, sie brauchte sich ja dann nur hinter uns zu verstecken, und keiner durfte ihr was! Und wie sie diese Tatsache ausnutzte! „Na warte!“ sagten wir, und bastelten eine Lücke in die Boxentür. Grade breit genug für ihren mickrigen Hintern. „Jetzt kuck doch selber, wie du klarkommst!“ Ich glaube, sie brauchte ungefähr 10 Sekunden, um die Vorteile dieses Arrangements zu erfassen. Die Tür, die war ja noch besser als ein Zweibeiner. Blieb immer am Platz, war immer da, und dahinter die geduldige Milchbar Marja, die auch nicht mehr eigene Wege gehen konnte. Jetzt hatte sie wahrhaft Narrenfreiheit. Im Jahr darauf sah man Mila den zu frühen Start ins Leben kaum noch an. Sie verbrachte den Sommer mit dem dicken Tom und Lady bei Bekannten auf der Weide. Als wir sie im Herbst wieder nach Hause holten, waren sie alle drei rund, glatt glänzend und bester Laune. Wie sehr gerade Mila diesen Sommer genossen hatte, zeigte sich wiederum ein Jahr später. Da hatten wir grade ihren zweiten Geburtstag im Kalender rot angestrichen.“Ich muss noch mal mit dem Tierarzt reden.“ So sprach ich einige Wochen nach der Frühjahrswurmkur. „Milas Bauch ist so komisch aufgetrieben.“Nun, zwei Tage später wußte ich, was Sache war. Neben Mila stand ein Fohlen. Rot wie die Sünde. Nur Schimmel werden so rot geboren. Die Farbe entlastete immerhin den dicken Tom, denn der war falb. Und außerdem schon mehr als 13 Monate Eunuche. Erst mal mußte ich den Schock verdauen, dann rief ich den Tierarzt an, der Mutter und Kind beste Gesundheit attestierte, dann begann ich zu recherchieren.Einen Tag, einen einzigen Tag, war während ihrer Sommerfrische auf einer Nachbarweide ein Hengstjährling gestanden. Ein Schimmel, und die Pferdchen waren da auch ausgekommen, aber höchstens eine Viertelstunde, dann waren sie wieder eingefangen, und dann wurde das Hengstchen auch gleich weggefahren… Mila wurde die Mutterrolle bald lästig. Dass da einer Ansprüche an sie anmelden wollte, paßte ihr gar nicht so recht. Dafür übernahm Marja vom ersten Tag an die Verantwortung. So gleichgültig ihr das Tun und Lassen ihrer Tochter gewesen war, so streng überwachte sie den Enkel.Mila indessen legte, sofern es überhaupt möglich war, noch an Selbstbewußtsein zu. Gescheit war sie sowieso, und jetzt wurde sie auch noch kapriziös.Nein, sie wollte sich nicht mehr führen lassen. Wer war ich überhaupt, daß ich ihr vorschreiben wollte, wohin sie zu gehen hatte. Und Hufe geben? Sie? Mir? Vergiss es, sagte sie und zog blitzgeschwind mit dem Hinterhuf nach mir aus.“Mistkröte:“ konterte ich, und klatschte ihr den Führstrick über die Kruppe.Zack, schnappten ihre Zähne nach mir. Patsch, knallte meine Hand gegen ihre Backe.Prompt gab sie nach: Guten Argumenten war sie bereit, sich zu beugen. Brav wie ein Schäfchen zockelte sie neben mir her, schmiß mir ihre Hufe in die Hand zum säubern, klimperte dabei betörend mit den langen, schwarzen Wimpern…. Sie wurde älter. Was die körperliche Entwicklung betraf, hinkte sie ein wenig hinter ihren Altersgenossen her. Aber ihre Fixigkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihr Widerspruchsgeist wuchsen leider schneller, als uns lieb war. Angst hatte sie vor gar nix, und Respekt, das war für sie etwas, was ihr von anderen zustand. Als sie vier geworden war und unserer Meinung nach alt genug um in die 1. Klasse Pferdeschule einzutreten, kam es zu mancher unschönen Auseinandersetzung. Alles, alles! mußte sie ausdiskutieren. Nie, nie! war sie bereit, irgend etwas einfach als gegeben hinzunehmen. Dabei war sie zwischendurch wieder soo lieb und soo süß. Als würd sie ihren Namen als Verpflichtung sehen. Sie konnte (und kann!) so hinreißend unschuldig kucken. Wie ein Engel… „Sie wird jetzt 5, und sie muss unbedingt was tun. Aber wenn ich sie hier behalte, mit den ganzen Kindern, die überall rumwuseln und an ihr rumziehen, wird sie zum Monster.“ S. glaubt mir das mit dem Monster zwar nicht, aber der Gedanke, mit Mila richtig ernsthaft zu arbeiten, reizt sie schon. Also packt sie sie ein und karrt sie Richtung München. „Sie ist ja soo lieb, und soo brav,“ sagt sie am ersten Tag ins Telefon. „Sie ist ein Mistvieh!“ faucht sie am zweiten. Am dritten Tag dann: „Sie ist ein tolles Pferd“.Für die nächsten Wochen ist damit die grobe Richtung vorgegeben. Mal höre ich „Mistvieh“, mal „tolles Pferd“, mit der Zeit wird das „Mistvieh“ immer seltener gebraucht, verschwindet zuletzt komplett aus S. Wortschatz.“Hach, “ seufzt sie, als sie sie wiederbringt, „Am liebsten hätt ich sie behalten.“ Sie ist jetzt 7 Jahre alt, ist klein geblieben, obwohl beide Eltern groß waren, aber sie ist dabei kräftig und rund. Sie kann tölten, daß dir die Tränen kommen vor Glück. Sie hat einen sauberen, schönen Trab und im Galopp kann sie abgehen wie eine Dampflokomotive, oder dich wiegen wie in einem Schaukelstuhl. Sie kuckt wie ein Engel (ich wiederhole mich, ich weiß), hats aber faustdick hinter ihren kleinen Mauseohren. Sie hat Power für drei, und Biß. Und Ehrgeiz. Für die Leute, die sie als ok akzeptiert, geht sie durchs Feuer. Reiter, die ihrem Intellekt nicht gewachsen sind, lernen leider eine ganz andere Mila kennen. Sie buckelt nicht und rennt nicht gegen den Zügel, sie bleibt nicht stehen und schmeißt auch niemanden in den Dreck. Sie bleibt brav an ihrem Platz in der Gruppe in jedem Tempo, aber darüber hinaus verweigert sie jede weitere Mitarbeit. Auf einmal kann sie nur noch eine Gangart, nämlich Watschelpaß.Sie ist nie fies oder hinterfotzig, ist ihr jemand nicht kompetent genug, tut sie einfach, als wär der gar nicht da. Das geht soweit, dass sie unter dem Hufeauskratzen einfach auf drei Beinen herumspaziert und ihren Angelegenheiten nachgeht. Aber dem dreijährigen Mädchen, das so gern mal ein Pferd auf die Weide führen möchte, zeigt sie ganz vorsichtig und umsichtig, wie so was geht.
Das also ist Mila.

S. Nebl